INTERPRETATION - INTERPRETACIJA
SREČKO KOSOVEL (1904-26)

Wiedergeburt - Prerojenje

1. Nihilomelancholie

Srečko Kosovel, am 18.3.1904 in Sežana am Karst geboren, Hauptvertreter des slowenischen Expressionismus und Konstruktivismus, Galionsfigur der slowenischen Avantgarde, zählt mit France Prešeren, Oton Župančič, Josip Murn, Dragotin Kette und Edvard Kocbek zu den bekanntesten slowenischen Lyrikern, wobei der frühreife, brillante Kosovel zweifellos das genialste lyrisch-philosophische Talent der slowenischen Moderne ist. Infolge der Nähe zum Isonzotal (Soška dolina) und zu Triest/Trst war sein Heimatgebiet im Ersten Weltkrieg Durchzugszone der verschiedensten Truppen und gehörte zu den heftig umkämpften Frontabschnitten. Die Katastrophe des 1. Weltkriegs, der Zusammenbruch  einer ganzen Kultur, prägte Kosovels Europa-Bild und war der unmittelbare Auslöser für die "Nihilomelancholia", wie Kosovels Synonym für seine Zeit lautet. Im Nachlaßband findet sich eine Skizze, welche die Dimension des Kriegsschreckens in einer eindringlichen Parabel festhält. Sie trägt den Titel
"Der verwundete Engel":
"Heimgekehrt sind Blinde, heimgekehrt sind Menschen mit Wunden, mit halbem Gesicht, ohne Kiefer, ohne Arme, ohne Kopf. Und zwischen sie trat der verwundete Engel und protestierte im Namen der Menge:'Genug, genug, genug.' Und niemand hörte ihn." (Ges. Werke/Zbrano delo 3, 670, "Ranjeni angel", Originalzitat am Ende des Buches)
"Warum donnern solche Lawinen der Verzweiflung auf uns? Warum schwanken wir dreimal am Tag in unserem Schritt?" - heißt es in den Einleitungsworten (Uvodne besede) zu der von Kosovel geplanten Ausgabe der Gedichte. Die Antwort auf diese Fragen findet sich wiederum im Begriff der Nihilomelancholie, die für Kosovel das Zerstörungsprinzip ist, dem sich die gesamte Epoche des Imperialismus und Spätimperialismus verschrieb und das zur Auslöschung einer Lebensform führte, die zuvor zwar gefährdet und nur in begrenztem Maße sozial gewesen war, die jedoch trotz der ihr immanenten Spannungen eine gewachsene Kultur dargestellt hatte. Die Nihilomelancholie war gleichsam das Resultat des Verlusts der gesellschaftlichen Identit"t und der Auflösung geistig-religiöser Strukturen, vor allem aber auch das Resultat des verlorenen Naturzusammenhangs des Menschen (vgl. die Gedichte "Ecce homo" und "Gegen den Menschen"/"Proti človeku"). Ihr Signum war die mehr und mehr hervortretende Inhumanität Europas, die bereits das Grauen des Faschismus, des Zweiten Weltkriegs in sich barg.

2) Transmissionen

Jenseits der Nihilomelancholie beginnt Kosovels kosmische Vision des Lebens. In den "Transmissionen", im Verspüren des Naturzusammenhangs, entsteht eine neue Welt, ein glühendes Leben, in dessen Kraftfeld er wiedergeboren wird und dessen Widerschein auch geistiges Potential für die Menschheit besitzt. Sein Werk ist daher nicht nur von Unterdrückung, Krankheit, seinem frühen Leiden an Anämie, bestimmt, sondern von dem, was als das kosmische Zeichen unserer Existenz zu umschreiben wäre. Um zu ihm vorzudringen, muß, nach Kosovel, allerdings zuvor die Zerstörung selbst zerstört werden. Kosovel schreibt:
"Alles ist negativ./Ich befinde mich auf Negativ-Totale./Ljubljana. Die Welt. Die Fremde./Knechtschaft. Freiheit. Verfall./Einzig die Negativität erschafft Positivität,
Aktivität."(nach 3,677) Die neue Kunst, der neue Künstler ist in diesem Sinne apolitisch und akonfessionell, um "religiös zu werden". In solcher neuen Religiosität der Kunst liegt die Möglichkeit der Überwindung des Zeitalters der Melancholie, der Todesekstase, denn sie ist untrennbar mit dem sozialen und kosmischen Bewußtsein des Menschen verbunden. Daraus leitet sich auch die gesellschaftliche Aufgabe der Kunst ab, wie es im Gedicht "Herbstesstille ist in mir"/ "Jesensko tiho je v meni" formuliert ist.
Nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918 wurde das Gebiet um Sežana dem italienischen Staat angegliedert; in der Folge verlor Kosovels Vater seine Position als Lehrer, Schuldirektor und als Förderer der Kultur in seinem Bezirk. Die ganze Familie war ja künstlerisch tätig, Kosovels Bruder Stano war Lyriker, die Schwester Karmela eine bekannte Pianistin.

3) Lied der Erniedrigten

Srečko Kosovel, das fünfte Kind der Familie, besuchte die Volksschule in Tomaj im Karst. Daran schloß sich die Realschule in Ljubljana. Während dieser Zeit war er Mitglied der "Organisation der Mittelschüler aus dem annektierten Gebiet". Er gründete die Jugend-Zeitschrift "Lepa Vida" (Schöne Vida), deren Name auf einen in Volksliedern überlieferten Frauen-Mythos zurückgeht wie auch auf ein Cankar-Stück. Mit ihr erlebte Kosovel allerdings einen finanziellen Schiffbruch. Ab 1922 studierte er in Ljubljana Slavistik, Romanistik und Kunstgeschichte und war nebenher als Mitarbeiter und Herausgeber von literarischen Zeitschriften tätig, wie "Zvonček" (Glöckchen), "Ženski Svet"(Welt der Frau),"Ljubljanski zvon"(Laibacher Glocke), "Trije Labodi" (Drei Schwäne, benannt nach einem Café in Ljubljana), der katholischen Zeitschrift "Dom in Svet"(Heim und Welt) und vor allem "Mladina" (Jugend), die er im Herbst 1925 von der Selbständigen Bauernpartei übernommen, vor dem Niedergang bewahrt hatte und deren Konzept nun ein sozial-engagiertes war. Im Gedicht "Ich hör von den Küsten"/"Čujem z obali" hat Kosovel den Prozeß der Urbanisierung und Proletarisierung wie auch der Entvölkerung der ländlich-agrarischen Bereiche, im Zuge der Industrialisierung auch der Karst- und Küstenregion, dargestellt. Die Verelendung ganzer Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen zeigt er in dem Gedicht "Pesem ponižanih"/"Lied der Erniedrigten".
1924 befand sich Kosovel unter den Mitbegründern des "Literarisch-dramatischen Kreises" in Ljubljana. Lesungen und Vorträge gehörten zu seinen primären Anliegen ab 1925, wobei sich die Vorträge zunehmend mit sozialpolitischen Fragen beschäftigten ("Die Kunst und der Proletarier", "Zerfall der Gesellschaft und Verfall der Kunst"). Die ersten Auftritte in Ljubljana waren von wenig Erfolg begleitet, was Kosovel tief getroffen hatte. Man suchte daher im Klub nach anderen Auftrittsm"glichkeiten, an Orten, wo nicht die etablierte Kunst herrschte, um sich ein neues Publikum, aus den proletarischen Kreisen vor allem stammend, aufzubauen, wie Mile Klopčič berichtet; man verstand sich als "Junge Kulturarbeiter". Diese Auftritte, in Zagorje oder in der "Arbeiter-Akademie" in Ljubljana am 25. Februar 1926, waren überaus erfolgreich. Kosovel hatte für den Auftritt in Ljubljana das Programm sehr reduziert und nur mehr seinen Vortrag "Die Kunst und der Proletarier" gehalten und das Gedicht "Ekstase des Todes" vorgetragen. Er plante eine Wiederholung des Auftritts am 28.2.1926 in Ljubljana, die aber die örtliche Behörde, obwohl schon in der Presse angekündigt, kurzfristig verbot, indem sie die Erlaubnis zur Benützung der Vortragssäle zurückzog. Kosovel war zu einem sozialpolitischen Dichter geworden, der dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen als Gefahr erschien. An die Stelle des "Konstruktivismus" (als einer bloß im Formalen steckenbleibenden Richtung) war für Kosovel die "Konstruktivität" beim Aufbau einer humanen, geistigen Gesellschaft getreten (durchaus auf den ganzen Balkan bezogen), an die Stelle des "konstruktivizem" die "konstruktivnost", was allerdings nicht von allen Mitgliedern seines Klubs auch mitgetragen wurde. "Nicht betrachten, sondern mitarbeiten", war die avantgardistische Forderung an die Kunst ("Ne gledati, ampak sodelovati.", 3,771). In seiner Einleitung zur geplanten Ausgabe seiner Gedichte hat Kosovel dargelegt, wofür zu arbeiten die Menschen aus ihrer "glaubens- und hoffnungslosen" Lage befreien könnte:
"Der Sieg der Wahrheit im kulturellen, der Humanität im wirtschaftlichen, der Gerechtigkeit im sozialen Leben aber wird der größte Triumph des zeitgenössischen Menschen werden."
Daß Kosovel auf das Verbot eines öffentlichen Auftritts durch den SHS-Staat nicht mehr angemessen reagieren konnte,sei es durch illegale Aktivität, sei es durch prononcierte Stellungnahmen, oder durch Schweigen, wird durch die Tatsache erklärt, daß genau in diese Zeit seine schwere Erkrankung fiel. Zu seinem Leiden an der Anämie kam in diesen Tagen die Erkrankung an Meningitis. Im März, zu den Osterferien, kehrte er nach Hause zurück. Nach zeitweiser Erholung verschlechterte sich sein Zustand ernsthaft. Am 27. Mai 1926 erlag er, kaum 22 Jahre alt, seiner Krankheit. Er wurde am Friedhof in Tomaj im Karst begraben. Sein Werk umfaßt rund 2000 Gedichte und Prosagedichte sowie Abhandlungen, Tagebücher und Briefe. In seinem Rang, seinem Charisma ist er mit Rimbaud, Apollinaire, Trakl oder Endre Ády zu vergleichen wie auch mit den österreichischen Lyrikern der Zwischen- und Nachkriegszeit, mit Jura Soyfer, Theodor Kramer und Paul Celan.

4) Integrale - Vereinigungen, Nähe zum Leben

Beeinflußt hatten Kosovel neben Heine, Tolstoj, Tagore und Romain Rolland vor allem der kroatischen Dichter und Kritiker Miroslav Krleža ("Kaos", 1919) und der slowenische Genius Ivan Cankar, in dessen Werk sich die Aneignung der europäischen Moderne durch die slowenische Literatur der Jahrhundertwende nachvollziehen läßt. Auch viele Gedichte Kosovels sind ja zum Teil dem Symbolismus und Jugendstil verpflichtet (etwa "Lied des Schwans"/"Labodja pesem" oder "Gewendeter Mantel"/"Obrnjeni plašč"), obwohl sich in ihnen letztlich die expressiven Tendenzen durchsetzen.
Den europäischen Surrealismus und Konstruktivismus lernte Kosovel vorwiegend über die Zeitschrift "Zenit"(Zagreb, Beograd) kennen (s. die KONSI/KONS-Gedichte). Zumindest ab 1925 stand er der politischen Linken und dem "neuen oder sozialen Realismus" (Bratko Kreft) nahe, warnte aber davor, sich von "dogmatischen Zockeln" einengen zu lassen (s. das Gedicht "Jesenska pokrajina"/"Herbstlandschaft"). Dem Leben nahezusein, war seine primäre Forderung. Ein Bild, ein Gleichnis, das er in seine Notizen eintrug, zeigt, was mit dieser Nähe zum Leben gemeint ist und was Kosovel im Gegensatz dazu als lebensferne Melancholie anklagt:

"Kinder: Sie saßen am Boden in der Sonne. Drei waren es. Sie schaufelten Sand in kleine Schachteln. In einer Schachtel saß eine überaus geduldige Katze. Sie blinzelte in die Sonne und machte eine treuherzige Miene. Voller Geduld schaute sie ihnen zu, die sie mit Sand bespritzten. Diese Katze war den Kindern näher als wir Menschen, die wir das Kind erniedrigen und ihm Unrecht zufügen, indem wir Kind zu ihm sagen." (nach 3,677)
Ironisch rechnet Kosovel mit dem sentimentalen, sich von der Welt abwendenden Menschen ab, der sich seinen solipsistischen "Enttäuschungen" hingibt, wie es Gedichte dieser Reihe zeigen.
"Deshalb, weil wir nicht konstruktiv arbeiten, verzweifeln wir, schwanken wir dreimal am Tag. Weil wir keinen Glauben, keinen Glauben an die Zukunft, an eine konstruktive Arbeit, haben (...)", heißt es im genannten Einleitungswort. Kosovels Ziel ist der konstruktiv-nachdenkliche Mensch, der die Melancholie, das Zerstörungsprinzip überwindet, die Nähe zum Leben wiederfindet und Ganzheiten des Lebens schafft. Gedichte, wie "Musik des Frühlings"/"Godba pomladi", die Sonette aus dem Zyklus "Rote Atome" (Rdeči atomi 1-3) und vor allem die "Integrali"/"Integrale" weisen in diese Richtung einer neuen, konstruktiv(istisch)en Menschlichkeit. Ein Teil dieser Tätigkeit war auch die geplante Herausgabe von Gedichtbänden, deren Titel ( u.a.: "Zlati čoln"/"Goldener Kahn", "Ekstaza smrti"/"Ekstase des Todes") programmatischen oder symptomatischen Charakter haben. "Der goldene Kahn" weist auf die kosmisch-integrale Komponente, während der zweite Titel die Zeit und ihre Lebensfeindlichkeit, ihren "Todestrieb" umschreibt. Ab Ende 1925 beschäftigte er sich auch mit Collagen aus Zeitungsausschnitten, ironisch übermalt; ein Beispiel dafür ist das "Fliegende Schiff"("Leteča ladja"); allerdings wurden diese Arbeiten von seinem Klub nicht ganz ernst genommen, wie Ivo Grahor und Alfonz Gspan überliefern (s. Vrečko, 231).
Alfonz Gspan war es auch, der nach dem frühen Tod des Dichters die erste Auswahl von Gedichten herausgab (Pesmi, 1927). Die Gesamtausgabe der Werke Kosovels besorgte Anton Ocvirk, ebenfalls Mitglied im "Klub". In der Einleitung zur Ausgabe der "Integrali" veröffentlicht Ocvirk eine Reihe von Notizen Kosovels, unter anderem folgende, als eine Art Autoporträt des Dichters geltende Skizze:
"Im Grunde bin ich allein. Mit den Menschen scherze ich und treibe Possen, weil sie nichts anderes verstehen. Ich beneide sie, daß sie so von innen heraus sonnig sind. Sie sagen: das ist ein couragierter, fröhlicher Junge. Und ich pflichte ihnen mit meinen Witzen bei und werde dadurch wirklich fröhlich." (zit. nach Integrali, 25)

5) Übertragung - "Der Inhalt ist die Form"

Die Übersetzung versucht eine gestalthafte Übertragung des slowenischen Textes ins Deutsche, d.h. eine klangliche und rhythmische Nachdichtung. Der melodische Akzent der slowenischen Sprache macht freilich die deutsche Entsprechung besonders schwierig. Das führt oft dazu, daß auch der deutsche Akzent "beweglicher" werden muß, womit man aber verständlicherweise an Grenzen stößt. Trotzdem wird der Versuch unternommen, kein Element des Originals verlorengehen zu lassen, sei es inhaltlich, sei es lautlich-melodisch. Daß trotz dieses Vorsatzes in manchen Fällen nur eine respektvolle Annäherung an das federleichte, farben- und klangspielende Original zu finden ist, ist wie gesagt unvermeidlich; im letzten muß der Sinn, die Aussage des Gedichts Prioritt haben. Der Inhalt macht die Form, so Kosovel ("vsebina = oblika") - und insofern hat die Form nun andrerseits wiederum eine eminente Bedeutung, weil durch sie hindurch der Inhalt sich eine Gestalt sucht, was sich in den vielen Assonanzen, Alliterationen, Reimen- und Binnenreimen äußert, die Kosovels Lyrik kennzeichnen und den Inhalt transportieren (s. Franc Zadravec: S. K., weiters Kosovels Gedicht "Rime"/"Reime" in S.K.: Gedichte, Wieser 1988, sowie das Gedicht "Astralna erotika"/"Astrale Erotik").
Der Künstler möge den "genauesten Ausdruck eines vollständigen Erlebnisses finden, das durch diese organische Gestalt unmittelbar wirke", lautet Kosovels Forderung, die - wie nicht nur diese Feststellung - sehr an Robert Musils Kunst-Ansatz erinnert: "Stil ist für mich exakte Herausarbeitung eines Gedankens." (Fontana-Interview, 1926, Ges. Werke 7 bzw. GW II)
Auch Kosovel suchte, Beiträge zur geistigen Bewältigung der Welt zu leisten; seine "Integrali"/"Integrale" sind nichts anderes als ein Programm dazu, das Grundlagen für ein "Erdensekretariat der Genauigkeit und Seele"(Musil) bieten sollte. Eine Eigenschaft der Nihilomelancholie, der "flüchtige Eindruck", das "ohne Eindruck", "ohne Tiefe" ("bežen vtis", "brez vtisa"), stellt die Entsprechung zu Musils kritischer Chiffre "Seinesgleichen geschieht" dar, während in den "Transmissionen" und in der "Liebesglut" Musils "anderer Zustand" erscheint. Es wird sehr aufschlußreich sein, die "Integrale" Kosovels und Musils Essays und Prosa ("Das hilflose Europa", "Ansätze zu neuer Ästhetik") genauer miteinander zu vergleichen, zumal auch die Zeit ihrer Entstehung - die erste Hälfte der 2Oer Jahre - zusammenfällt.
Jozej Strutz