Srečko Kosovel, am 18.3.1904 in Sežana am Karst geboren, Hauptvertreter
des slowenischen Expressionismus und Konstruktivismus, Galionsfigur der slowenischen
Avantgarde, zählt mit France Preeren, Oton Župančič, Josip Murn,
Dragotin Kette und Edvard Kocbek zu den bekanntesten slowenischen Lyrikern,
wobei der frühreife, brillante Kosovel zweifellos das genialste lyrisch-philosophische
Talent der slowenischen Moderne ist. Infolge der Nähe zum Isonzotal (Soka
dolina) und zu Triest/Trst war sein Heimatgebiet im Ersten Weltkrieg Durchzugszone
der verschiedensten Truppen und gehörte zu den heftig umkämpften Frontabschnitten.
Die Katastrophe des 1. Weltkriegs, der Zusammenbruch einer ganzen
Kultur, prägte Kosovels Europa-Bild und war der unmittelbare Auslöser
für die "Nihilomelancholia", wie Kosovels Synonym für seine Zeit lautet.
Im Nachlaßband findet sich eine Skizze, welche die Dimension des Kriegsschreckens
in einer eindringlichen Parabel festhält. Sie trägt den Titel
"Der verwundete Engel":
"Heimgekehrt sind Blinde, heimgekehrt sind Menschen mit Wunden, mit halbem Gesicht,
ohne Kiefer, ohne Arme, ohne Kopf. Und zwischen sie trat der verwundete Engel
und protestierte im Namen der Menge:'Genug, genug, genug.' Und niemand hörte
ihn." (Ges. Werke/Zbrano delo 3, 670, "Ranjeni angel", Originalzitat am Ende
des Buches)
"Warum donnern solche Lawinen der Verzweiflung auf uns? Warum schwanken wir
dreimal am Tag in unserem Schritt?" - heißt es in den Einleitungsworten
(Uvodne besede) zu der von Kosovel geplanten Ausgabe der Gedichte. Die Antwort
auf diese Fragen findet sich wiederum im Begriff der Nihilomelancholie, die
für Kosovel das Zerstörungsprinzip ist, dem sich die gesamte Epoche
des Imperialismus und Spätimperialismus verschrieb und das zur Auslöschung
einer Lebensform führte, die zuvor zwar gefährdet und nur in begrenztem
Maße sozial gewesen war, die jedoch trotz der ihr immanenten Spannungen
eine gewachsene Kultur dargestellt hatte. Die Nihilomelancholie war gleichsam
das Resultat des Verlusts der gesellschaftlichen Identit"t und der Auflösung
geistig-religiöser Strukturen, vor allem aber auch das Resultat des verlorenen
Naturzusammenhangs des Menschen (vgl. die Gedichte "Ecce homo" und "Gegen den
Menschen"/"Proti človeku"). Ihr Signum war die mehr und mehr hervortretende
Inhumanität Europas, die bereits das Grauen des Faschismus, des Zweiten
Weltkriegs in sich barg.
Jenseits der Nihilomelancholie beginnt Kosovels kosmische Vision des Lebens.
In den "Transmissionen", im Verspüren des Naturzusammenhangs, entsteht
eine neue Welt, ein glühendes Leben, in dessen Kraftfeld er wiedergeboren
wird und dessen Widerschein auch geistiges Potential für die Menschheit
besitzt. Sein Werk ist daher nicht nur von Unterdrückung, Krankheit, seinem
frühen Leiden an Anämie, bestimmt, sondern von dem, was als das kosmische
Zeichen unserer Existenz zu umschreiben wäre. Um zu ihm vorzudringen, muß,
nach Kosovel, allerdings zuvor die Zerstörung selbst zerstört werden.
Kosovel schreibt:
"Alles ist negativ./Ich befinde mich auf Negativ-Totale./Ljubljana. Die Welt.
Die Fremde./Knechtschaft. Freiheit. Verfall./Einzig die Negativität erschafft
Positivität,
Aktivität."(nach 3,677) Die neue Kunst, der neue Künstler ist in diesem
Sinne apolitisch und akonfessionell, um "religiös zu werden". In solcher
neuen Religiosität der Kunst liegt die Möglichkeit der Überwindung
des Zeitalters der Melancholie, der Todesekstase, denn sie ist untrennbar mit
dem sozialen und kosmischen Bewußtsein des Menschen verbunden. Daraus
leitet sich auch die gesellschaftliche Aufgabe der Kunst ab, wie es im Gedicht
"Herbstesstille ist in mir"/ "Jesensko tiho je v meni" formuliert ist.
Nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918 wurde das
Gebiet um Sežana dem italienischen Staat angegliedert; in der Folge verlor
Kosovels Vater seine Position als Lehrer, Schuldirektor und als Förderer
der Kultur in seinem Bezirk. Die ganze Familie war ja künstlerisch tätig,
Kosovels Bruder Stano war Lyriker, die Schwester Karmela eine bekannte Pianistin.
Srečko Kosovel, das fünfte Kind der Familie, besuchte die Volksschule
in Tomaj im Karst. Daran schloß sich die Realschule in Ljubljana. Während
dieser Zeit war er Mitglied der "Organisation der Mittelschüler aus dem
annektierten Gebiet". Er gründete die Jugend-Zeitschrift "Lepa Vida" (Schöne
Vida), deren Name auf einen in Volksliedern überlieferten Frauen-Mythos
zurückgeht wie auch auf ein Cankar-Stück. Mit ihr erlebte Kosovel
allerdings einen finanziellen Schiffbruch. Ab 1922 studierte er in Ljubljana
Slavistik, Romanistik und Kunstgeschichte und war nebenher als Mitarbeiter und
Herausgeber von literarischen Zeitschriften tätig, wie "Zvonček"
(Glöckchen), "Ženski Svet"(Welt der Frau),"Ljubljanski zvon"(Laibacher
Glocke), "Trije Labodi" (Drei Schwäne, benannt nach einem Café in
Ljubljana), der katholischen Zeitschrift "Dom in Svet"(Heim und Welt) und vor
allem "Mladina" (Jugend), die er im Herbst 1925 von der Selbständigen Bauernpartei
übernommen, vor dem Niedergang bewahrt hatte und deren Konzept nun ein
sozial-engagiertes war. Im Gedicht "Ich hör von den Küsten"/"Čujem
z obali" hat Kosovel den Prozeß der Urbanisierung und Proletarisierung
wie auch der Entvölkerung der ländlich-agrarischen Bereiche, im Zuge
der Industrialisierung auch der Karst- und Küstenregion, dargestellt. Die
Verelendung ganzer Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen zeigt er in dem
Gedicht "Pesem ponižanih"/"Lied der Erniedrigten".
1924 befand sich Kosovel unter den Mitbegründern des "Literarisch-dramatischen
Kreises" in Ljubljana. Lesungen und Vorträge gehörten zu seinen primären
Anliegen ab 1925, wobei sich die Vorträge zunehmend mit sozialpolitischen
Fragen beschäftigten ("Die Kunst und der Proletarier", "Zerfall der Gesellschaft
und Verfall der Kunst"). Die ersten Auftritte in Ljubljana waren von wenig Erfolg
begleitet, was Kosovel tief getroffen hatte. Man suchte daher im Klub nach anderen
Auftrittsm"glichkeiten, an Orten, wo nicht die etablierte Kunst herrschte, um
sich ein neues Publikum, aus den proletarischen Kreisen vor allem stammend,
aufzubauen, wie Mile Klopčič berichtet; man verstand sich als
"Junge Kulturarbeiter". Diese Auftritte, in Zagorje oder in der "Arbeiter-Akademie"
in Ljubljana am 25. Februar 1926, waren überaus erfolgreich. Kosovel hatte
für den Auftritt in Ljubljana das Programm sehr reduziert und nur mehr
seinen Vortrag "Die Kunst und der Proletarier" gehalten und das Gedicht "Ekstase
des Todes" vorgetragen. Er plante eine Wiederholung des Auftritts am 28.2.1926
in Ljubljana, die aber die örtliche Behörde, obwohl schon in der Presse
angekündigt, kurzfristig verbot, indem sie die Erlaubnis zur Benützung
der Vortragssäle zurückzog. Kosovel war zu einem sozialpolitischen
Dichter geworden, der dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen als
Gefahr erschien. An die Stelle des "Konstruktivismus" (als einer bloß
im Formalen steckenbleibenden Richtung) war für Kosovel die "Konstruktivität"
beim Aufbau einer humanen, geistigen Gesellschaft getreten (durchaus auf den
ganzen Balkan bezogen), an die Stelle des "konstruktivizem" die "konstruktivnost",
was allerdings nicht von allen Mitgliedern seines Klubs auch mitgetragen wurde.
"Nicht betrachten, sondern mitarbeiten", war die avantgardistische Forderung
an die Kunst ("Ne gledati, ampak sodelovati.", 3,771). In seiner Einleitung
zur geplanten Ausgabe seiner Gedichte hat Kosovel dargelegt, wofür zu arbeiten
die Menschen aus ihrer "glaubens- und hoffnungslosen" Lage befreien könnte:
"Der Sieg der Wahrheit im kulturellen, der Humanität im wirtschaftlichen,
der Gerechtigkeit im sozialen Leben aber wird der größte Triumph
des zeitgenössischen Menschen werden."
Daß Kosovel auf das Verbot eines öffentlichen Auftritts durch den
SHS-Staat nicht mehr angemessen reagieren konnte,sei es durch illegale Aktivität,
sei es durch prononcierte Stellungnahmen, oder durch Schweigen, wird durch die
Tatsache erklärt, daß genau in diese Zeit seine schwere Erkrankung
fiel. Zu seinem Leiden an der Anämie kam in diesen Tagen die Erkrankung
an Meningitis. Im März, zu den Osterferien, kehrte er nach Hause zurück.
Nach zeitweiser Erholung verschlechterte sich sein Zustand ernsthaft. Am 27.
Mai 1926 erlag er, kaum 22 Jahre alt, seiner Krankheit. Er wurde am Friedhof
in Tomaj im Karst begraben. Sein Werk umfaßt rund 2000 Gedichte und Prosagedichte
sowie Abhandlungen, Tagebücher und Briefe. In seinem Rang, seinem Charisma
ist er mit Rimbaud, Apollinaire, Trakl oder Endre Ády zu vergleichen
wie auch mit den österreichischen Lyrikern der Zwischen- und Nachkriegszeit,
mit Jura Soyfer, Theodor Kramer und Paul Celan.
Beeinflußt hatten Kosovel neben Heine, Tolstoj, Tagore und Romain Rolland
vor allem der kroatischen Dichter und Kritiker Miroslav Krleža ("Kaos",
1919) und der slowenische Genius Ivan Cankar, in dessen Werk sich die Aneignung
der europäischen Moderne durch die slowenische Literatur der Jahrhundertwende
nachvollziehen läßt. Auch viele Gedichte Kosovels sind ja zum Teil
dem Symbolismus und Jugendstil verpflichtet (etwa "Lied des Schwans"/"Labodja
pesem" oder "Gewendeter Mantel"/"Obrnjeni plač"), obwohl sich in
ihnen letztlich die expressiven Tendenzen durchsetzen.
Den europäischen Surrealismus und Konstruktivismus lernte Kosovel vorwiegend
über die Zeitschrift "Zenit"(Zagreb, Beograd) kennen (s. die KONSI/KONS-Gedichte).
Zumindest ab 1925 stand er der politischen Linken und dem "neuen oder sozialen
Realismus" (Bratko Kreft) nahe, warnte aber davor, sich von "dogmatischen Zockeln"
einengen zu lassen (s. das Gedicht "Jesenska pokrajina"/"Herbstlandschaft").
Dem Leben nahezusein, war seine primäre Forderung. Ein Bild, ein Gleichnis,
das er in seine Notizen eintrug, zeigt, was mit dieser Nähe zum Leben gemeint
ist und was Kosovel im Gegensatz dazu als lebensferne Melancholie anklagt:
"Kinder: Sie saßen am Boden in der Sonne. Drei waren es. Sie schaufelten
Sand in kleine Schachteln. In einer Schachtel saß eine überaus geduldige
Katze. Sie blinzelte in die Sonne und machte eine treuherzige Miene. Voller
Geduld schaute sie ihnen zu, die sie mit Sand bespritzten. Diese Katze war den
Kindern näher als wir Menschen, die wir das Kind erniedrigen und ihm Unrecht
zufügen, indem wir Kind zu ihm sagen." (nach 3,677)
Ironisch rechnet Kosovel mit dem sentimentalen, sich von der Welt abwendenden
Menschen ab, der sich seinen solipsistischen "Enttäuschungen" hingibt,
wie es Gedichte dieser Reihe zeigen.
"Deshalb, weil wir nicht konstruktiv arbeiten, verzweifeln wir, schwanken wir
dreimal am Tag. Weil wir keinen Glauben, keinen Glauben an die Zukunft, an eine
konstruktive Arbeit, haben (...)", heißt es im genannten Einleitungswort.
Kosovels Ziel ist der konstruktiv-nachdenkliche Mensch, der die Melancholie,
das Zerstörungsprinzip überwindet, die Nähe zum Leben wiederfindet
und Ganzheiten des Lebens schafft. Gedichte, wie "Musik des Frühlings"/"Godba
pomladi", die Sonette aus dem Zyklus "Rote Atome" (Rdeči atomi 1-3) und
vor allem die "Integrali"/"Integrale" weisen in diese Richtung einer neuen,
konstruktiv(istisch)en Menschlichkeit. Ein Teil dieser Tätigkeit war auch
die geplante Herausgabe von Gedichtbänden, deren Titel ( u.a.: "Zlati čoln"/"Goldener
Kahn", "Ekstaza smrti"/"Ekstase des Todes") programmatischen oder symptomatischen
Charakter haben. "Der goldene Kahn" weist auf die kosmisch-integrale Komponente,
während der zweite Titel die Zeit und ihre Lebensfeindlichkeit, ihren "Todestrieb"
umschreibt. Ab Ende 1925 beschäftigte er sich auch mit Collagen aus Zeitungsausschnitten,
ironisch übermalt; ein Beispiel dafür ist das "Fliegende Schiff"("Leteča
ladja"); allerdings wurden diese Arbeiten von seinem Klub nicht ganz ernst genommen,
wie Ivo Grahor und Alfonz Gspan überliefern (s. Vrečko, 231).
Alfonz Gspan war es auch, der nach dem frühen Tod des Dichters die erste
Auswahl von Gedichten herausgab (Pesmi, 1927). Die Gesamtausgabe der Werke Kosovels
besorgte Anton Ocvirk, ebenfalls Mitglied im "Klub". In der Einleitung zur Ausgabe
der "Integrali" veröffentlicht Ocvirk eine Reihe von Notizen Kosovels,
unter anderem folgende, als eine Art Autoporträt des Dichters geltende
Skizze:
"Im Grunde bin ich allein. Mit den Menschen scherze ich und treibe Possen, weil
sie nichts anderes verstehen. Ich beneide sie, daß sie so von innen heraus
sonnig sind. Sie sagen: das ist ein couragierter, fröhlicher Junge. Und
ich pflichte ihnen mit meinen Witzen bei und werde dadurch wirklich fröhlich."
(zit. nach Integrali, 25)
Die Übersetzung versucht eine gestalthafte Übertragung des slowenischen
Textes ins Deutsche, d.h. eine klangliche und rhythmische Nachdichtung. Der
melodische Akzent der slowenischen Sprache macht freilich die deutsche Entsprechung
besonders schwierig. Das führt oft dazu, daß auch der deutsche Akzent
"beweglicher" werden muß, womit man aber verständlicherweise an Grenzen
stößt. Trotzdem wird der Versuch unternommen, kein Element des Originals
verlorengehen zu lassen, sei es inhaltlich, sei es lautlich-melodisch. Daß
trotz dieses Vorsatzes in manchen Fällen nur eine respektvolle Annäherung
an das federleichte, farben- und klangspielende Original zu finden ist, ist
wie gesagt unvermeidlich; im letzten muß der Sinn, die Aussage des Gedichts
Prioritt haben. Der Inhalt macht die Form, so Kosovel ("vsebina = oblika") -
und insofern hat die Form nun andrerseits wiederum eine eminente Bedeutung,
weil durch sie hindurch der Inhalt sich eine Gestalt sucht, was sich in den
vielen Assonanzen, Alliterationen, Reimen- und Binnenreimen äußert,
die Kosovels Lyrik kennzeichnen und den Inhalt transportieren (s. Franc Zadravec:
S. K., weiters Kosovels Gedicht "Rime"/"Reime" in S.K.: Gedichte, Wieser 1988,
sowie das Gedicht "Astralna erotika"/"Astrale Erotik").
Der Künstler möge den "genauesten Ausdruck eines vollständigen
Erlebnisses finden, das durch diese organische Gestalt unmittelbar wirke", lautet
Kosovels Forderung, die - wie nicht nur diese Feststellung - sehr an Robert
Musils Kunst-Ansatz erinnert: "Stil ist für mich exakte Herausarbeitung
eines Gedankens." (Fontana-Interview, 1926, Ges. Werke 7 bzw. GW II)
Auch Kosovel suchte, Beiträge zur geistigen Bewältigung der Welt zu
leisten; seine "Integrali"/"Integrale" sind nichts anderes als ein Programm
dazu, das Grundlagen für ein "Erdensekretariat der Genauigkeit und Seele"(Musil)
bieten sollte. Eine Eigenschaft der Nihilomelancholie, der "flüchtige Eindruck",
das "ohne Eindruck", "ohne Tiefe" ("bežen vtis", "brez vtisa"), stellt
die Entsprechung zu Musils kritischer Chiffre "Seinesgleichen geschieht" dar,
während in den "Transmissionen" und in der "Liebesglut" Musils "anderer
Zustand" erscheint. Es wird sehr aufschlußreich sein, die "Integrale"
Kosovels und Musils Essays und Prosa ("Das hilflose Europa", "Ansätze
zu neuer Ästhetik") genauer miteinander zu vergleichen, zumal auch die
Zeit ihrer Entstehung - die erste Hälfte der 2Oer Jahre - zusammenfällt.
Jozej Strutz